Neunerlei // Ein Brauch voller Bedeutung und Zauber

Winterhirse

Das Weihnachtsfest naht und mit ihm die Frage nach dem Festessen. Wird es wieder die totale Völlerei mit anschließendem Sodbrennen, Hosenknopf auf und dem vollem Programm oder bleibe ich meinen gesunden Prinzipien treu? Wie macht ihr das? Ich habe mein Festessen schon geplant. Was es gibt? Das gesamte Menü stelle ich hier vor. Es mag für den ein oder anderen etwas ungewohnt sein, denn es ist ein Mahl voller Bedeutung, Besinnung, Wünsche und Dankbarkeit.

Wer aus dem Erzgebirge kommt, der kennt es, das Neunerlei. Ein traditionelles Weihnachtsessen aus meiner Heimat ~ dem Erzgebirge. Was viele nicht mehr wissen ~ das Neunerlei ist eigentlich gar kein Weihnachtsessen, sondern ein Neujahrsbrauch. Denn bevor der gregorianische Kalender Ende des 16. Jahrhunderts verkündet und übernommen wurde, fiel der Neujahrsbeginn in unterschiedlichen Gebieten und Ländern auf verschiedene Tage. Im Erzgebirge war das damals der 25. Dezember. Und da man sich mit diesem Mahl den himmlischen Segen für das kommende Jahr erbat, gab es das Neunerlei am letzten Abend vor dem neuen Jahr – dem 24. Dezember.

Wie der Name schon vermuten lässt, werden neun Speisen aufgetischt. Jede davon hat eine Bedeutung für das kommende Jahr und deshalb soll auch von allem etwas gegessen werden, auch wenn es nur ein Löffel voll ist. Die Zahl “neun” symbolisiert dabei Glück, Wünsche, Träume und Erinnerungen und findet eine tiefere Bedeutung im Glauben. Es wird vermutet, dass 3 x 3 gemeint ist, denn die Zahl “drei” bedeuted Nachdruck und Eindringlichkeit. Den Segen für Gesundheit, ein langes Leben, Nahrung und mehr erbat man sich also besonders dringlich und mit viel Nachdruck. Es gibt das Neunerlei auch in ähnlicher Variante mit mehr oder weniger Speisen in anderen Regionen.

Der Tag an dem das Neunerlei serviert wird, beinhaltet über das Mahl hinaus, noch weitere Bräuche. Ich möchte euch gern das Neunerlei aus meiner Heimat näher bringen.

Die Nahrungsmittel für das Neunerlei werden in den Regionen und Familien unterschiedlich ausgewählt. Über viele Generationen hinweg haben sich viele Abwandlungen ergeben, aber auch ein paar Speisen als gängig durchgesetzt. Grundsätzlich kann man sagen, die Zahl “neun” sowie die Linsen und die Klöße sind die Grundkomponenten. Alles andere wird unterschiedlich gehandhabt.
Einerseits lässt mir das Raum, mein Neunerlei auch vegan und so gesund wie möglich zu gestalten und andererseits den Zauber und die Wünsche wieder in den Vordergrund zu rücken, denn ich möchte gern Besinnung und Wertschätzung des Allerwichtigsten erhalten, so wie es früher gar nicht anders denkbar bar.

Neun Speisen auf den Tisch zu bringen, war früher keine Selbstverständlichkeit und vielleicht auch einmal im Jahr eine Besonderheit.

Die neun Speisen und ihr tieferer Sinn

1. Das kleine Geld

“Linsen, damit einem das kleine Geld nicht ausgeht,” heißt es in fast jedem Neunerlei. Sie erinnern wohl auch wegen der Farbe an kleine Münzen, die meist aus Kupfer waren.

2. Das große Geld

Klöße stehen für das große Geld. Sie sollen jedoch nicht gezählt werden.

3. Wachstum

Etwas Quellendes muss ebenfalls auf den Tisch. Es soll das Wachstum symbolisieren. Hirse oder auch Linsen werden hier oft gewählt. Hirse nicht zuletzt, weil es früher das gängigste Getreide war. Für das Wachstum wird aber auch oft der Apfel gewählt.

4. Fruchtbarkeit und Leben

Der Apfel steht für Fruchtbarkeit und Leben und somit auch für Glück und Freude und taucht in diesen Zusammenhängen immer wieder in sämtlichen Volkserzählungen auf. Der Apfel ist DAS Sinnbild für neues Leben und Fruchtbarkeit. Er regt das Wachstum an und trägt das Leben in sich ~ so heißt es in den verschiedensten Kulturen. Der Apfel fehlt deshalb auch in keinen Neunerlei.

5. Gute Ernte

Sauerkraut symbolisiert Stroh und Heu, aber auch Gesundheit. Wer Sauerkraut isst, dem wächst langes Stroh ~ so hieß es früher und deshalb wird Sauerkraut gern für das Neunerlei gewählt.

In manchen Erzählungen heißt es aber auch “Sauerkraut, dass einem das Leben nicht sauer werde.”

6. Wohlstand, Kraft und Stärke

Ein Braten steht für den Wohlstand. Heute kauft man deshalb Fleisch von Landtieren, Geflügel und aus dem Wasser ein. In manchen Familien kommen alle 3 Fleischarten auf den Teller und zählen auch einzeln. Dafür fallen andere Speisen mit ihrer Bedeutung weg.

Vergessen wird dabei ~ ein Braten war früher eine kostbare Sache. Selten kam Fleisch auf den Teller. Auf die Jagt zu gehen, konnte sich die normale Bevölkerung nicht leisten. Wer konnte, hat das geschlachtet, was er selbst gefüttert und gehalten hat.

Für micht heißt das, ich wähle einen Braten ohne Tier, denn die Hauptsache ist, dass der Braten, wenn ich ihn mir leisten kann, zum Festessen gehört. Deshalb soll es etwas Besonderes sein und wirklich sensationell schmecken. Und nach meinem Probelauf kann ich sagen, das ist mir wirklich gut gelungen. Auch mein Mann ist begeistert. Ich bin gespannt, wie meine Gäste auf mein veganes Festessen reagieren werden.

7. Gesundheit und ein langes Leben

Sauerkraut, Sellerie, Semmelmilch und Beeren symbolisieren Gesundheit. Im Erzgebirge heißt es es aber hauptsächlich “Semmelmilch, damit die Nase nicht tropft” und kommt meist auf den Tisch. Dabei werden Brotstücken in Milch eingelegt und über Apfelstücken und Nüsse gegossen. Die Semmelmilch wird in einer Schale serviert, herum gereicht und jeder nimmt sich eine Kelle oder einen Löffel voll heraus.

Wer Beeren serviert, darf keine schwarzen Beeren verwenden. Die Farbe “schwarz” symbolisiert den Tod. Im kommenden Jahr könnte sonst jemand sterben.

8. Glück, Wohlbefinden und Schönheit

Pilze – dass einem das Glück treu bleibt und wer Rote Beete isst, bekommt rote Bäckchen und die symbolisieren Schönheit.

Bei uns in der Familie gab es nie Rote Beete zum Neunerlei aber ich bin bei meiner Recherche oft darauf gestoßen. So scheint es wohl ein häufig gewähltes Nahrungsmittel im Neunerlei zu sein. Vielleicht fiel bei uns diese Bedeutung auch weg, weil schon tierische Nahrung aus der Luft und dem Wasser einzeln gezählt wurden. Dafür zählten wir die Pilze als Nahrung vom Land und es gab immerhin einmal Fleisch weniger.

9. Unbeschwertes Leben

Nüsse werden, soweit mir bekannt ist, immer gewählt. Sie stehen dafür, dass der Lebenswagen gut geölt durchs Leben fährt.

Weitere Bräuche für diesen Tag:

Ohne Hektik
Im kommenden Jahr soll keine Hektik aufkommen, deshalb wird der letzte Tag im Jahr auch ganz in Ruhe angegangen und zusammen im Kreis der Liebsten verbracht. Alles muss vorbereitet sein, es darf keine Hausarbeit mehr verrichtet werden, auch das Geschirr darf am Abend nicht mehr abgewaschen werden.

Brot und Salz
Im kommenden Jahr soll es nie am Nötigsten fehlen. Deshalb gehören Brot und Salz immer auf den Tisch, werden aber nicht mitgezählt. Das Brot darf am Abend auch nicht alle und nicht abgeräumt werden. Es wird nach dem Mahl im Tischtuch eingeschlagen und verbleibt dort über den Jahreswechsel.

Das Tischtuch
Es darf kein Loch haben oder muss zumindest geflickt sein, sonst könnte der himmlische Segen daraus entweichen.

Stroh unterm Tischtuch
Es soll den Wunsch nach einer reichen Ernte symbolisieren.

Das Weihnachtslicht
Es darf nicht ausgepustet werden. Es muss im Haus verbleibeb und darf auch nicht mit zur Mette genommen werden.

Gastfreundlichkeit
Es wird immer ein weiteres Gedeck für einen unerwarteten Gast bereit gestellt.

Reichtum
Eine Münze im Essen oder unter einem Teller bringt dem Reichtum, der die Münze bekommt.

Für mich ist dieser Brauch auch eine Besinnung dessen, was wir aus unserem Weihnachtsfest gemacht haben. Dieser Brauch ist wunderschön. So etwas möchte ich mir bewahren. Mir sind nicht Geschenke oder Perfektionismus in Sachen Küche und gedeckter Tisch wichtig. Ich wähle lieber ein einfaches Menü und genieße den Abend zusammen mit den Liebsten. Auf den Zauber kommt es an. Ich versuche nicht zu vergessen, wie gut es uns geht und dass es auch andere Zeiten gab und ich möchte bewusst aus meiner kleinen Welt heraus schauen. Denn wo anders sind die einfachen Dinge die tägliche Not. Während wir, vor allem unsere Kinder, an Weihnachten oft an nichts anderes denken, als an Geschenke, Geschenke, Geschenke, begraben Menschen in fernen Ländern ihre verhungerten Kinder. Ihnen fehlt es an Nahrung, Gesundheit und Freiheit. Wir sollten nicht so oft über belanglose Probleme jammern wie wir es allgemein tun.

Aber nun zu meinem veganen Neunerlei. Ich bereite bewusst kein komplettes Rohkostmenü vor, weil meine Gäste absolut keinen Sinn dafür haben und ich möchte ihnen nichts aufzwingen. Trotzdem wird es nur Speisen geben, die ich selbst aus frischen Zutaten zubereite. Eben so gesund und naturbelassen wie möglich.

Als erstes wird es einen Vorspeisenteller mit einem Waldorfsalat und einem Sauerkrautsalat, beides für sich angerichtet in kleinen Portionen aber auf einem Teller. Diese Vorspeise beinhaltet bereits den Sellerie für die Gesundheit, den Apfel für Fruchbarkeit und Leben, die Walnuss für den gut geschmierten Lebenswagen und das Sauerkraut für eine gute Ernte.

Danach gibt es den Braten als Dankbarkeit für den Wohlstand. Er ist auf Linsenbasis und somit erfülle ich auch die Linsen für das kleine Geld. Er schmeckt wirklich sehr aromatisch, besonders mit seiner eingedickten Kruste. Auch mein Mann ist begeistert von diesem Braten. Hier schonmal ein Vorgeschmack. Das Bild habe ich abends auf die Schnelle gemacht. Neue Bilder mit Rezepten folgen.

Falscher Hase
Ich habe viele Rezepte für den falschen Hasen getestet. Oft sind zu viele Zutaten dran und die Konsistenz lässt am Ende zu Wünschen übrig. Dieser hier ist einfach und ich kann wirklich sagen, der reißt mich so vom Hocker und schmeckt sensationell. Dazu gibt es Rotkraut, Klöße für das große Geld und eine Waldpilzsoße damit das Glück uns treu bleibt.

Zum Schluss gibt es noch einen Klecks Hirse für das Wachstum mit einer Vanillesauce und Himbeeren, die nochmal für die Gesundheit stehen. (Ähnlich wie auf dem Foto, nur dann mit Himbeeren)

Wie gesagt, alles selbst gemacht aus guten Zutaten, kein Fertigkram. Rezepte und Bilder folgen.

Vanillehirse

4 Comments on “Neunerlei // Ein Brauch voller Bedeutung und Zauber

  1. Sehr interessanter Post und so schön geschrieben <3
    Bei uns wird auch vieles selbst gemacht, auch wenn der "echte" Braten nicht von uns gefüttert wurde

  2. Danke dafür!
    Ich selbst komme aus der Oberlausitz und kenne den Brauch von einer Freundin. Ich finde ihn aber so schön, dass ich ihn dieses Jahr mit meiner Familie mal umsetzen möchte. Umso mehr freue ich mich über diese Inspiration und Anleitung. Variierst du dieses Jahr oder sind es immer diese Gerichte?

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